Nicht wirklich alle Wege führen nach Rom – Barrierefreiheit als Nummernrevue

Man könnte an die Kritik des Artikels 10 Ways To Make Your Site Accessible Using Web Standards des Smashing Magazins auf zwei Arten herangehen: einmal mit dem Smashing Magazine und dann mit Webstandards im Mittelpunkt.

Dass alle oder zumindest tausende Wege nach Rom führen, wurde durch die Sammlung um einen Mittelpunkt und gleichzeitig durch die Entfernung von diesem argumentativ festgelegt. Wie sich Platzhirsche und Meme (wichtige Themen) nun mal positionieren. Die erste Herangehensweise setzt das Smashing Magazine in den Mittelpunkt der Kritik, um das sich alles andere positioniert. Gerade als Platzhirsch käme dem Magazin die Rolle zu, einen Artikel, der inhaltlich weder sonderlich strukturiert und noch dazu mit vielen Fehlern behaftet ist, entsprechend zu kommentieren oder zu überarbeiten. Der Artikel wurde bis dato im Bookmarksystem Delicious über 1000 mal gespeichert. Bis heute wurde der Artikel, trotz heftiger Kritik in den Kommentaren, nicht korrigiert.

Das Smashing Magazine und die vergoldete Säule

Wahrscheinlich geht es dem Smashing Magazine im Grunde auch nur noch um diese römische, vergoldete Säule, an der sich alle orientieren und auch mal reiben. Schließlich führen eh schon alle Wege zum Magazin, da kann man sich dann auch mal ausruhen dürfen. Aber: Größere Öffentlichkeit bedeutet auch größere Sorgfalt, überhaupt bedeutet das Publizieren von Inhalt Sorgfalt. Wer hat diesen Artikel gegengelesen? Insofern kann man nur hoffen, dass die angekündigte Serie des Autors nun etwas sorgfältiger gelesen wird. Denn der Autor hat seinen Artikel eben genau damit gerechtfertigt, dass der erste Teil seiner Serie zur Barrierefreiheit eben mit dem Umsetzen von Webstandards und Validität beginnt, sich aber – nachdem die Seite ja dann 100% valide und konform ist – im zweiten Teil anderen Dingen wie Tastaturnavigation, Kontrasten und Accesskeys zuwenden wird. Ganz abgesehen davon, dass der Artikel nicht als Serie gekennzeichnet ist, steht auch die erste Folge der Serie für sich und muss entsprechender inhaltlicher Kritik unterzogen werden. Dass das Smashing Magazine damit auch wieder auf den Nummernrevue-Zug aufgesprungen ist, ist noch zusätzlich schade.

Webstandards und die vergoldete Säule

Der zweite Mittelpunkt in diesem Artikel ist zugleich Ausgangs- und Kritikpunkt: Webstandards und Validität führen nach Rom – in unserem Fall zur Barrierefreiheit. Freilich wissen wir alle, das Ein- und Durchhalten von Webstandards bringt uns alle Vorteile dieser Webwelt, sie unterstützen den Weg nach Rom – zur Barrierefreiheit, aber es gibt noch unzählige andere Wege, die dahin führen, die nur bedingt etwas mit Webstandards, Validität und Konformität zu tun haben. Das ist der alte Irrglaube, man hätte mit Webstandards auch die Barrierefreiheit mit im Sack. Aber dem ist nicht so.

Das Problem mit der Nummernrevue ist, man kann nicht sonderlich ins Detail gehen, muss dabei aber mit großen Worten und Konzepten jonglieren. Ein Fass wird mit Punkt 4 aufgemacht: Use accessible navigation. Ein großes Konzept, aufgeführt wird jedoch nur, dass man nur ein (!) TITLE-Element sinnvoll befüllen, nur eine H1-Überschrift haben soll und der Rest der Seite mit Überschriften in Unterbereiche aufgeteilt werden soll. Und – auch so eine unsinnige These – die Überschriften dürfen nur Textinhalt haben, keine Bilder. Abgesehen davon, dass es ohnehin nur 1 (!) TITLE-Element auf einer Seite geben kann, ist die Anforderung an nur 1 H1 pro Seite ohnehin ein permanenter Anlass zu Grundsatzdiskussionen. Wichtig ist dabei, ob der Inhalt der Seite insgesamt stimmig in eine Überschriftenhierarchie übersetzt wurde.

Gänzlich unsinnig sind dann Aussagen, die festlegen wollen, dass sich der Inhalt der H1 in Gänze oder in Teilen mit dem Inhalt des TITLE-Elements decken soll. Aber ich mache gerade wieder einen Kardinalfehler, ich verzettle mich in der Kritik von Einzelelementen. Dabei ist es wichtiger zu sagen, das Konzept einer barrierefreien Navigation erschöpft sich bei weitem nicht in TITLE-, H1 und Restüberschriften, dazu gehört eine schlüssige Tastaturnavigation, der Einsatz von Sprunglinks, eine konsistente Überschriftenhierarchie oder etwa auch alternative Konzepte wie ein Breadcrumb.

Ein Grundproblem des Artikels ist, viel zu große Konzepte anzureißen, sie aber nur in Einzelelementen auszuführen und auch noch unvollständig und teilweise krude dabei vorzugehen.

Fazit: Nicht wirklich alle Wege führen nach Rom

Ich habe jetzt nur ein Beispiel – das Konzept der barrierefreien Navigation – herausgegriffen, man könnte da flott weitermachen. Ohnehin sind etliche Konzepte für die barrierefreie Optimierung nur bedingt von Belang – ja, Webstandards sind die Basis, aber nicht der komplette Weg. Man muss schlicht die Frage stellen, warum man einen derart unfertigen und in Teilen auch unwissenden Artikel veröffentlicht. Gerade im Bereich der Barrierefreiheit wird immer gerne flott in die argumentative Tasche gegriffen oder in die Welt posaunt – wie jetzt auch gerne das WCAG 2 (bewußt) falsch verstanden wird als Selbstbedienungsladen. Barrierefreie Optimierung hat wie Einhaltung und Umsetzung von Webstandards durchaus feste Regeln, sie orientieren sich in ihrer Entwicklung sehr stark an der Praxis. Das meint jedoch nicht, wir greifen uns für die Barrierefreiheit, was uns grade gefällt, was en vogue ist oder was einfacher oder besser geht.

Vielleicht ist es mitunter schwieriger, Barrierefreiheit in einem professionellen Fluss zu halten, sich mit Themen wie Usability immer aktuell zu schulen, davon für die Barrierefreiheit wieder Konsequenzen und Lösungen zu ziehen und das gesetzliche Regelwerk wie das WCAG 2 als Werkzeugkiste zu nutzen mit einem aus und durch die Praxis geschulten Blick. Die Techniken des WCAG 2 sind eben genau kein offener Standard, der zum kreativen Einsatz einlädt. Sie sind offen dahingehend, dass wir Entwickler aus der professionellen Praxis uns mit den möglichen Lösungen in der Werkzeugkiste auseinandersetzen. Mit dem Blick des Praktikers reduziert sich die angebliche Vielfalt der Lösungen immens, finden sich neue Lösungen, die alte ablösen.

Der Artikel des Smashing Magazine unterstützt leider in seiner Unschärfe und vielen Fehlern genau jene Bedienungsmentalität im barrierefreien Arbeiten. Dem Ab- und Durcharbeiten von konzept- und beinah kontextlosen Punkten wird in Zukunft leider auch der vermeintlich kreative Umgang mit den Techniken des WCAG 2 entsprechen: Wir nehmen uns auch dort einfach nur die Punkte vor, die wir verstehen, ausführen und irgendwie passend finden. Dabei braucht die Barrierefreiheit endlich mehr Verständnis für die schon bestehenden Standards und einen professionelleren Umgang mit dem Thema.

Barrierefreiheit als Nummernrevue? Es soll schon vorgekommen sein, dass man sich nach Rom verfahren hat.

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