Rezension: Das Web 2.0 unter dem Aspekt der Barrierefreiheit – XING

Leider gibt es immer noch viel zu wenig aktuelle Bücher zum Thema Barrierefreiheit – abseits der Standardwerke tut sich da eher gar nichts -, insofern ist die Neuerscheinung von Kristin Göbel Das Web 2.0 unter dem Aspekt der Barrierefreiheit. Untersuchung der Webanwendung XING schon einen genaueren Rezensionsblick wert.

Im Grunde ist der Titel der Arbeit selbsterklärend: Die Arbeit nimmt sich die Barrierefreiheit im Web 2.0 vor und versucht dessen Barrieren anhand eines konkreten Webauftrittes – der Plattform XING – aufzuzeigen. Die Grundlage für die Analyse bildet der BITV-Test der BIK. Bevor es jedoch damit konkret an das BITV-Test-Punkteschema geht, wird Begriffsklärung betrieben und sowohl Barrierefreiheit und Web 2.0 definiert.

Prinzipiell ist es sehr erfreulich, dass so ganz konkrete Seitenevaluierungen auch mal in Buchform gebracht werden, trotzdem bleibt das Ergebnis in seiner Gesamtheit leider nur vorläufig, weil sich gerade im Bereich der Barrierefreiheit sowohl das gesetzliche als auch technische Rad zu schnell weiterdreht.

Der Weg ins barrierefreie Buch ist schlicht zu lang

Ein Manko der Buchveröffentlichung ist – sie ist ja aktuell 2009 erschienen -, dass die Diplomarbeit selbst wohl – laut Information auf Göbels Webauftritt – Anfang 2008 beendet wurde. Im Februar 2008 hat Kristin Göbel ihr Studium abgeschlossen, also kann man annehmen, dass die Ergebnisse der Diplomarbeit Ende 2007 und Anfang 2008 zusammengetragen und ausgewertet wurden. Es liegt wohl auch für das Buch keine Aktualisierung vor.

Insofern haben wir es mit einer Seitenevalulierung zu tun, die mehr als ein Jahr zurückliegt und mit einem BITV-Test arbeitet, der noch kaum auf die Evaluierung von Web 2.0 vorbereitet oder aktualisiert war. Genau in diesen Zeitraum fallen ja auch sämtliche Anstrengungen, um Evaluierung auf Web 2.0 Höhe zu bringen: BIENE Tagung, BIENE-Preis Kritik dahingehend, die allmähliche Aktualisierung des BITV-Tests und schließlich das Inkrafttreten der WCAG 2.

Das größte Rezeptionsproblem des Buches ist daher eine gewisse Patina. Waren die Ergebnisse der Diplomarbeit sicherlich Ende 2007 interessant als Diskussionsgrundlage, sind sie nun mit etlichen zeitlichen und technischen Abstrichen zu lesen.

Begriffsbildung sollte immer wertfrei passieren

Web 2.0 wird als wichtiger Modebegriff – auch als tatsächlich praktisch umgesetzter Begriff – immer wieder definiert anhand von konkreten Umsetzungen wie Weblogs und Podcasts. Leider spürt man in den Erläuterungen zu den eben genannten Anwendungen, dass sie technisch und inhaltlich nicht in Gänze durchdrungen wurden. Ein Weblog unterscheidet sich von statischen Webseiten nicht wesentlich dadurch, dass die letzten Aktualisierungen auf der Startseite gebündelt werden. Das passiert bei den meisten Weblog-Systemen automatisch, weil es sicherlich mit ein Grundprinzip ist, aber das ließe sich auch auf statischen Seiten realisieren. Auch ist die Weblog-Bewegung nicht deswegen so motiviert gewesen, weil Weblogs Werbeblöcke so einfach integrierbar machen. Das eine hat mit dem anderen, wenn überhaupt, erst in einem viel späteren Stadium und mit einer gänzlich anderen Klientel zu tun. (Seite 19)

Das sei hier nur als ein Beispiel genannt, dass Begriffsbildung immer möglichst wertfrei erarbeitet werden sollte, denn gerade die sozialen Bewegungen wie Weblogs und Podcast hatten zu allererst schlicht mit Freiwilligkeit und dem Willen zu tun, das Web noch einmal von unten zu erarbeiten. Ebenso wirken die technischen Erklärungen etwa eines RSS-Feeds mitunter ein wenig unfertig (Seite 19). Sicherlich hat Web 2.0 sehr viel mit sozialen Faktoren zu tun, man sollte jedoch Häufigkeit nicht mit Relevanz verwechseln (Seite 33) und das Kapitel Trackbacks ist ja schon eher stark in die Jahre gekommen. Die Frage ist schlicht, muss für die Fragestellung – man will Web 2.0 bei XING konkret auf Barrierefreiheit testen -, all diese Begriffsherleitung gemacht werden. Schließlich bleibt bei der Masse dann immer die Genauigkeit und auch die wirkliche Relevanz auf der Strecke.

Auch die Begriffsbestimmung zur Barrierefreiheit ist etwas zu umfangreich geraten. Vielleicht hätte es ausgereicht, anhand des genutzten BITV-Tests Barrierefreiheit zu bestimmen. Wichtiger wäre es gewesen, noch genauer auf die Probleme mit AJAX im Web 2.0 einzugehen – lobenswerter Weise wird bereits ein Ausblick auf einen Lösungsansatz wie WAI ARIA unternommen. Ob WAI ARIA wirklich eine Interimslösung ist, wissen wir aktuell ja schon genauer (Seite 85). Grundsätzlich in der barrierefreien Begriffsbildung auch hier wieder ein zu breiter Ansatz, es wird flott zwischen Begriffen wie Barrierefreiheit, Accessibility, Zugänglichkeit, Usability und Gebrauchstauglichkeit changiert. Dabei hätte es nur einer Fokussierung auf das BITV bedurft, schließlich liegt es dem BITV-Test zugrunde. Ausführungen zu XHTML, mögliche Einbindungen von CSS in HTML oder eine letztlich dann doch zu sehr an der Oberfläche bleibende Einführung in Webstandards sind dann einfach nicht wirklich notwendig (Seite 61-72).

Konkrete Analysen können auch wirklich konkret werden

Die Barrierefreiheit von XING wird nun im zweiten Teil der Arbeit anhand des Punktkatalogs des BITV-Test untersucht (XING erreichte 70,5 von 100 Punkten – schlecht zugänglich, Seite 161). Es wird zwar darauf hingewiesen, dass es sich nur um eine Anlehnung an den BIK-BITV-Test (Seite 89) handelt, sieht man sich den Katalog an, ist dieser mit dem des BITV-Tests identisch. Es wird auch noch auf das WCAG 2 verwiesen, immer wieder wird in den Bewertungen auf Aktualisierungen dahingehend eingegangen.

Sicherlich ist es ein durchaus gangbarer Weg, den BITV-Test als Ausgangsbasis für eine Seitenevaluierung zu nutzen, jedoch sollte man immer bedenken, dass das eben nur Grundlage sein kann, um weitere, konkretere Recherchen und Tests vorzunehmen. Der BITV-Test selbst weist darauf hin, dass abschließende Prüfungen immer im Tandem von zwei Prüfern durchgeführt werden, was meint, dass ein Testergebnis eines Prüfers eben nur Grundlage sein kann, mehr aber auch nicht. Weiters ist der Punktkatalog eben auch nur ein Katalog. Man sollte bei so einem speziellen Evaluierungs-Fokus wie XING das Testverfahren eher dazu nutzen, Schwachstellen und Barrieren aufzudecken und dann diese speziellen Problembereiche weiter- und tiefer gehend zu analysieren.

Gut angelegt ist, dass jeder Prüfschritt auch mit einer Handlungsempfehlung verbunden ist, die Hinweise gibt, wie die Probleme beseitigt werden können. Die Bewertung der einzelnen Prüfschritte ist auch konsistent und technisch – nicht immer durchgängig – korrekt. Das Problem von Bewertungen ergibt sich jedoch aus dem aktuellen Konsens, der barrierefreien Erfahrung und vor allem, wie tief man die Bewertung vornimmt. Ich greife ein Beispiel heraus:

Überschriften bei XING

In Prüfschritt 3.5.1 des BITV-Tests (Neuentwurf des Prüfschritts) wird gefordert, dass HTML-Strukturelemente für Überschriften verwendet werden. Seit der letzten Analyse hat XING wohl etwas an der Überschriften-Hierarchie gefeilt, aber jetzt gibt es auf der Startseite keine H1 mehr, dafür viele H2s. Im Hauptbereich ist das auch ganz stimmig gemacht, jedoch je kleinteiliger die inhaltlichen Bereiche werden, desto kleinteiliger auch die Hierarchie, so rutscht etwa alles Kleinteilige unter die H2 Events, die sie interessieren könnten und die H3 XING Infos, ein richtiger Sammler für alles, was nicht mehr so präsent erscheint. Insofern hat sich da nach der Analyse durchaus was verändert, aber sonderlich konsistent inhaltlich ist das noch nicht. Für den Jobübersichtsbereich hat sich die Lage noch verschlechtert, dort gibt es nur zwei willkürlich gesetzte H3-Überschriften.

Was jedoch völlig unberücksichtigt bleibt und im BITV-Test-Prüfschritt durchaus angeführt ist, wie geht man mit wichtigen Bereichen der Webseite um wie Navigationen. Bis dato erhalten diese inhaltlich wichtigen Bereiche strukturelle Überschriften, damit sie innerhalb der Hierarchie schnell und inhaltlich korrekt erreicht werden können. XING hat – wie zu erwarten war – keine strukturellen Überschriften, auch keine Sprunglinks, die auf Navigationen direkt hinführen würden. Im Neuentwurf des Prüfschritts wird bereits auf die Einbindung von WAI ARIA Bezug genommen, um die strukturelle Navigation durch Rollen wie navigation zu ersetzen. Entsprechend wird im Neuentwurf, der erst noch zur Diskussion steht, der richtige Einsatz der Rollen geprüft.

Mit diesem Beispiel wollte ich zeigen, dass der BITV-Test nur eine Ausgangsbasis sein kann, aber erst aufgrund dieser Ergebnisse eine tiefergehende Analyse gemacht werden kann. Zur Überschriften-Hierarchie gehört nun mal der ganze Problemkreis Sprunglinks und strukturelle Navigation und aktuell die WAI ARIA Rollenimplementierung. Auch wenn bei XING keine Sprunglinks zu erwarten sind, ist es wichtig auf das Fehlen eines barrierefreien Standards hinzuweisen, in diesem Fall Sprunglinks und eine strukturelle Navigation. Das wäre für eine Handlungsempfehlung wichtig.

Fazit

So begrüßenswert eine Studie zu aktuellen Themen wie Web 2.0 und Barrierefreiheit ist, so wichtig wäre es gewesen, zum einen eine zeitnahe Publikation anzustreben und zum anderen mehr Tiefe in Argumentation und Analyse zu erreichen. Gerade bei einem Thema wie Web 2.0. Wäre die Arbeit zeitnah erschienen, wären die Ergebnisse sicherlich eine interessante Diskussionsgrundlage gewesen, schließlich ist es wichtig, dass solche Arbeiten auch publiziert vorliegen und nicht in Universitätsbibliotheken verschwinden. Ein wichtiges Ergebnis ist sicherlich, dass ein BITV-Test nur Ausgangsmaterial sein kann und immer noch mit den aktuellen Erkenntnissen in der Barrierefreiheit und tiefer gehenden Tests kombiniert werden sollte.

Trotz meiner Einwände finde ich die Arbeit von Kristin Göbel wichtig, weil sie uns wieder daran erinnert, dass wir mehr reale Praxis- und Testdaten brauchen. Dazu hat sie wesentlich beigetragen und ich hoffe, ihre Arbeit spornt uns alle an, das Web Was-auch-immer-für-eine-Null auf Barrierefreiheit immer wieder gegen zu testen.

Hinweis

In der Buchausgabe fehlt der gesamte Anhang B und die Screenshots sind wenig anschaulich, weil zu klein und nicht in Farbe gehalten, was beim Gegencheck eher wenig hilfreich ist. :)

Göbel, Kristin: Das Web 2.0 unter dem Aspekt der Barrierefreiheit. Untersuchung der Webanwendung XING, Hamburg, Diplomica Verlag GmbH 2009.

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