[sprungmarker extern] > i WCAG 2.0

Mein Artikel zum WCAG 2 > i WCAG 2.0{{1}} nun hier in Gänze, erschienen ist er in der ersten Ausgabe des Webstandards-Magazins:

Sie werden immer weniger, die klassischen Hypertext-Systeme. Denn eine Encyclopaedia Galactica in Sachen Accessibility soll sie mindestens werden, wenn man sich Umfang und Tiefe der aktuellen Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) 2.0 ansieht, vor allem da die letzte Stufe der W3C Recommendation erreicht ist.

[[1]]> i Befehl im Zork Textadventure, der das Inventar des Spielers anzeigt; Egger, Sylvia: iWCAG 2.0, in: Webstandards-Magazin 01/09, S 71-73 [[1]]

Kein Heimcomputer sollte ohne WCAG 2.0 sein

Klassische Hypertext-Systeme haben immer was von Textadventures der 70er Jahre. Statt Spieler: öffne den Briefkasten – wie im Textabenteuer Zork – steht man im WCAG 2.0 vor Türen wie How to meet oder Understanding. Um Hypertext-Systeme zu beschreiben, greifen wir gerne zu Metaphern wie Layer oder Schichten, aus unsere Adventure-Erfahrung könnten wir auch von Levels sprechen. Das Arbeiten mit der WCAG 2.0 hat durchaus Level-Charakter und lässt es inhaltlich nicht an Spannung fehlen: So wird man willkommen geheißen mit vier Prinzipien – wahrnehmbar, bedienbar, verständlich und robust. Einfache Prinzipien, mit denen durchaus Konsens zu erzielen ist. Diesen Prinzipien sind bis dato 12 Richtlinien beigestellt, wobei auffällig ist, dass dem Prinzip robust nur eine einzige Richtlinie zugeordnet ist: die Kompatibilität mit derzeitigen und zukünftigen User Agents inklusive assistiven Technologien. Das wirkt ein wenig hauruck-artig, zeigt aber nur, dass wir uns über zukünftige Entwicklungen eben nur bedingt schon unterhalten können. Wie in einem herkömmlichen Adventure warten wir einfach auf den entsprechenden Patch.

Den Richtlinien sind wiederum Erfolgskriterien untergeordnet und Erfolg meint hier zweierlei: Zum einen wird mit dem Erfolgskriterium die Richtlinie erfüllt und zum anderen entspricht das Erfolgskriterium einem Konformitäts-Level A, AA oder AAA. Ganz wie im klassischen Adventure-Spiel müssen also die Skills ausreichen, um eine Richtlinie auch wirklich umzusetzen. Gänzlich spannend – mitunter düster – wird es bei der konkreten Umsetzung eines Erfolgskriteriums. Die Tür Understanding führt zu einer ausgiebigen Beschreibung des Kriteriums und hinter der anderen How to meet eröffnen sich ungeahnte Entwickler-Dungeons: die ganz konkrete Werkzeugkiste. In dieser Kiste ist nun alles versammelt, was andere auf ihren Reisen durch das WCAG 2.0 abgelegt haben, durchaus vertretbare Techniken (Sufficient Techniques), aber auch obskure Ansätze, die nur Vorschlagcharakter haben (Advisory Techniques). Das Problem an dieser Sammelleidenschaft: Je tiefer man in das WCAG 2.0 eindringt, desto üppiger werden die Informationen. Während Prinzipien, Richtlinien und Erfolgskriterien normativ, also festgelegt sind, sind die Techniken das variable Element. Je nach Wissenstand und Konsens werden sich die technischen Informationen ändern. So begrüßenswert dieses Patch-Verfahren ist, so gefährlich ist es auch.

Untersuche, öffne und nutze WCAG 2.0

Das WCAG bildet schließlich entweder selbst oder für andere Gesetzesvorlagen die Grundlage für Barrierefreiheit im Internet. So positiv es ist, dass die Techniken offen angelegt sind und den Entwickler quasi durch die Hintertür mit einbeziehen, so ist es dennoch nur die Hintertür. Das restliche Level-Konstrukt aus Prinzipien, Richtlinien und Erfolgskriterien steht nicht zur Diskussion, schon gar nicht Bewertung und Zuordnung zu den Konformitätsstufen A, AA oder AAA. Freilich ist der Spagat zwischen einer Quasi-Gesetzesvorlage und einem offenen Wiki-Konstrukt schwer auszuhalten, aber es wäre erfreulich, wenn noch mehr Offenheit an den Tag gelegt würde. Ganz im klassischen Adventure-Sinn unternehmen wir daher einen Art Quereinstieg, einen Walkthrough durch das WCAG 2.0 und zwar auf dem Level A, AA und AAA.

LEVEL A: Die Einsteiger-Webseite

Eine typische Einsteiger-Webseite, die sich auf dem Level A des WCAG 2.0 einpendelt, hat sich durchaus gegenüber dem WCAG 1.0 verändert. So hat sie Standards wie Skiplinks, eine strukturelle Navigation, welche die Webseite mit Hilfe von zusätzlichen Überschriften bedienbar macht, überhaupt legt sie Wert auf eine Überschriftenhierarchie und greift auch schon mal zu einem LONGDESC-Attribut, wenn die herkömmliche Bestückung mit dem ALT-Attribut nicht hinreicht. Sie legt Wert auf Webstandards und ein semantisches Markup, verwendet Datentabellen, Listen und Formulare in standardkonformer Weise. Als Zugeständnis an den Zeitgeist kann auch mal eine Layouttabelle eingesetzt werden, sie muss nur hinreichend linearisierbar sein. Und wenn es nicht mit dem LABEL klappt, befüllt man das TITLE-Attribut des Formularfeldes.

Auch für den Tastaturnutzer ist gesorgt, Accesskeys werden mit Bedacht eingesetzt, mit dem Tabindex kann man bereits elegant umgehen, man achtet auf eine sinnvolle, lineare Abfolge aller Inhalte und dass nicht nur mit Farbe gearbeitet wird. Man ist sich bewusst, dass Audio- und Videoinhalte mit Alternativen wie Untertiteln und CAPTION versehen werden müssen. Auf Level A reicht auch schon mal ein Transkript, das verlinkt wird. Auch WAI ARIA spielt eine gewisse Rolle, schließlich ist man modern. Freilich vertraut man nicht auf alles, daher finden sich diverse Switcher auf der Webseite, um auf eine Alternativversion zu wechseln, die validiert, eine andere inhaltliche Reihenfolge anbietet oder schlicht eine linearisierte Version der Seite ermöglicht. Schließlich sind da auch noch unterschiedlichste Buttons am Anfang der Webseite, um Effekte oder Sound zu unterbinden. Mitunter wird auch auf eine Image-Replacement-Technik zurückgegriffen, aber erst auf Level AA gibt es dann den entsprechenden Button, um per CSS die Bilder wieder auszublenden.

LEVEL AA: Die Fortgeschrittenen-Webseite

Eine typische Webseite für den Fortgeschrittenen befindet sich auf dem Level AA des WCAG 2.0 und hinterlässt durchaus einen handfesteren Eindruck. Im Gegenzug zur Einsteiger-Variante wird Wert auf Orientierung und Mehrfachzugang gelegt. So finden sich jetzt Standards wie Suche, Sitemap, ein optionales Inhaltsverzeichnis am Beginn eines längeren Artikels, eine Hilfsnavigation am HEAD der HTML-Seite und eine konsistentes Navigationskonzept ein. Alles Themen, die man auch in der Einsteiger-Variante erwartet hätte, vor allem für Standards wie Suche und Sitemap. Erst jetzt kümmert man sich minimal um das Kontrastproblem, schließlich lässt das WCAG 2.0 ja hier ein zweistufiges Vorgehen zu.

Vor allem im Formularbereich wird verstärkt auf WAI ARIA gesetzt, um etwa pflichtige Bereiche zu kennzeichnen. Im Gegenzug zur Einsteiger-Webseite wird nun auf den Wechsel der Sprache im Inhaltsbereich Wert gelegt. Ein weiteres wichtiges Thema ist die Skalierbarkeit, nicht nur Texte auch das gesamte Layout soll mitwachsen. Etwas unsicher ist man noch beim Einsatz eines Liquiden Layouts, da erst auf dem Level AAA eine prozentuale Container-Umsetzung empfohlen wird. Aber im Grunde kann man ja auch schon auf die Zoom-Funktion des Browser setzen. Auch auf diesem Level traut man der eingesetzten Technik nur bedingt und erweitert das Repertoire der Switcher um einen Kontrastregler, eine Schriftvergrößerung und einen Button, um Textgrafiken auszuschalten.

LEVEL AAA: Die Experten-Webseite

Eine typische Experten-Webseite, die zum Level AAA des WCAG 2.0 aufschließt, verlangt dann schon die besten Entwickler-Skills. Es wird sogar darauf hingewiesen, dass es nicht sinnvoll ist, eine ganze Webseite für Level AAA aufzuarbeiten. Im Adventure-Jargon würde man wahrscheinlich dafür den Gott-Modus reklamieren. Sicherlich stimmt das für einige Optimierungen, die umfangreicher und kostenintensiv sind. So bietet eine Experten-Webseite Inhalte in Zeichensprache, im Videobereich eine ausführlichere Audio-Beschreibung und die Container der Webseite sind erst jetzt prozentual skalierbar. Auch das große Thema leichte Sprache wird erst auf diesem Level angegangen. Bei anderen Optimierungen fragt man sich, warum sie erst auf einer Experten-Webseite eingearbeitet werden. So finden sich jetzt erst Standards wie Breadcrumb, das Kennzeichnen des aktuellen Standorts auf einer Webseite und der gängige Link zur Homepage – meisthin auf dem Logo.

Im Experten-Level geht man auch noch genauer auf die Kontrastproblematik ein, baut die strukturelle Navigation weiter aus und arbeitet die Skalierbarkeit von Formularelementen nochmals auf. Erst jetzt macht man sich mit dem Inhalt richtig vertraut und zeichnet diesen entsprechend aus. Da findet sich schon mal ein Summary am Anfang eines Artikels, Abkürzungen und Akronyme sind gekennzeichnet und mitunter baut man auch noch ein Glossar oder eine Hilfe ein. Inhalt sei schließlich etwas, was man auch noch am Schluss optimieren könne. Trotz weitreichender Optimierungen verzichtet man auch auf diesem Level nicht auf weitere Switcher. Ob man nun eine Alternative haben will, die nicht horizontal scrollt, die Zeilen- und Absatzhöhe anders einstellt, die mit Hilfe eines Multi-Color-Pickers die Farben umstellt oder schlicht die Linktexte vervollständigen lässt, für jeden Nutzer scheint etwas dabei zu sein – ein reines Preferences-Paradies.

> get WCAG 2.0: Taken {{2}}

Durch das beispielhafte Darstellen von Webseiten auf dem Level A, AA und AAA lässt sich gut zeigen, was das WCAG 2.0 aktuell für eine Webseite bedeutet, es macht aber auch klar, wo Wertungen und Techniken Probleme machen. Gerade durch die Ausweichmöglichkeiten auf Switcher aller Art wird deutlich, dass das WCAG 2.0 noch nicht weit genug geht. Stellen Sie sich das doch bildlich vor, eine Webseite auf Level AAA hat dann im Durchschnitt mehr als fünf Regler für den Nutzer. Seit Jahren versuchen wir, möglichst keine Regler zu verwenden und jetzt werden es noch mehr. Auf diese Zwischenlösungen und Ladenhüter wie Layouttabelle und Alternativversion hätte man endlich verzichten sollen. Auch andere obskure Lösungen im Image-Replacement– und Linkbereich – zusätzliche Linktexte sollen per CSS versteckt werden – bringen uns nicht weiter, werden sich erst durch das WCAG 2.0 verbreiten.

Trotzdem ist das WCAG 2.0 innovativ und der einzig wirkliche Ansatz in dieser Breite und Internationalität. Es bleibt zu hoffen, dass bald mehr Walkthroughs oder sogar Reiseführer{{3}} durch das WCAG 2.0 zur Verfügung stehen, die vielleicht ein bisschen billiger sind, aber in großen, entwicklerfreundlichen Buchstaben die Worte „keine Panik“ auf ihrer Werkzeugkiste stehen haben.{{4}}

[[2]]typischer Textadventure-Jargon[[2]]
[[3]]Anschaulich die WCAG 2.0 Map (PDF-Datei)
und das WCAG 1.0 – 2.0 Transition Cheat Sheet (PDF-Datei)[[3]]
[[4]]Der Reiseführer Per Anhalter durch die Galaxis hat auf dem Umschlag die Worte Don’t panic stehen und wird der Encyclopaedia Galactica als Billigvariante gegenübergestellt.[[4]]