[sprungmarker extern] #twitterticker und die Social-Webstandards-Bewegung

Mein Artikel zur Social-Webstandards-Bewegung {{1}} nun hier in Gänze, erschienen ist er in der zweiten Ausgabe des Webstandards-Magazins:

Was hat die Twittergemeinde in den letzten Wochen bewegt: Man mag es kaum glauben – Webstandards. Wird HTML 5 Standard, lebt XHTML 2 noch, wird Flash wieder zu Grabe getragen und warum nicht einfach auf @font-face setzen.

Der Webstandards-Ninja

Man würde ja meinen, über Wichtigkeit und Einsatz von Webstandards bräuchte man sich nicht mehr wirklich unterhalten. Bürstet man jedoch den twitter-Stream dahingehend durch, ist die Auseinandersetzung mit Webstandards bunt und wie eh und je polarisierend. Der einzig gemeinsame Nenner: Wir alle wissen, dass Webstandards wichtig sind. @firestartr weiß das und schämt sich auch, seine Webseite online zu stellen: Sie geht schlicht konträr dazu. Also sind wir doch wieder da, wo wir angefangen haben: Der Grund, warum wir eine Webstandards-Bewegung haben ist, weil wir (noch immer) keine Webstandards haben (@mollydotcom).

[[1]]Egger, Sylvia: #twitterticker, in: Webstandards-Magazin 02/09, S 6-7[[1]]

Immerhin wird der Bewegung eine gewisse Professionialisierung nicht abgesprochen (@standardistas). Aber eine W3C-Validierung alleine, macht noch keine Webstandards-Sonnenseiten, sie kann nur ein wichtiges, aber nicht alleiniges Hilfsmittel sein, siehe die Diskussion über die Validität von WAIARIA oder HTML 5. Immer noch wird Professionalisierung verstanden als eine Zugehörigkeit zu einer Webstandards-Elite (@CaiminJones), sehr häufig findet sich da ein fast schon religiöse, entrücktes Element. Sollen sich Webstandards jedoch wirklich durchsetzen, muß man sie auch wieder auf eine erlern- und erfahrbare Ebene bringen wie es das WaSP InterAct Curriculum für die Lehre versucht (@moritzgiessmann).

Was nutzt es, wenn Einsatz und Auseinandersetzung mit Webstandards zum einen sich von einzelnen Standards abzugrenzen versucht wie @mollydotcom: Man trete für Webstandards ein, aber wolle nicht als Fürsprecher für einen Standard wie XHTML verstanden werden. Auch hier wieder das Abgrenzungsprinzip und aus Webstandards wird dann ein allgemeiner, nicht mehr wirklich anwendbares Konzept. Zum anderen lebt immer noch eine Art Guerilla-Perspektive, die Webstandards als neue Waffe entdeckt und den Webstandards-Ninja (@unscriptable) ausschickt, um das Web endlich mit Webstandards zu sichern. Die Ausbildung von diesen Ninjas wird naturgemäß nur Mozilla zugetraut. Das ist lobenswert, aber genauso fern und einer weiteren Elite verpflichtet.

Die Frage, die man beiden Gruppen stellen muss: Wieviel Core (oder rock (@mollydotcom)) braucht eine kontinuierliche Weiterentwicklung und wo kann und muss die Kontinuität aufgebrochen werden. Nur an dieser Schnittstelle kann es eine Zukunft von Webstandards geben. Webstandards gehören nicht Evangelisten, sondern wir brauchen äquivalent zur Social-Accessibility-Bewegung endlich eine Social-Webstandards-Bewegung, die nicht immer nur auf Standards wartet, sondern auch mal experimentiert, kombiniert und fusioniert.

HTML hat gewonnen?

Einer Social-Webstandards-Bewegung würde es dann auch nicht darum gehen, ob HTML-Looser, die wir immer mal wieder waren gegenüber fescheren Techniken wie Flash, jetzt endlich gewonnen haben und wir uns schon über Halb- und Quervaliditäten von Webseiten freuen (@zeldman). Es kann nicht darum gehen, sich mit HTML und CSS in einen Webstandards-Turm zu sperren und zu hoffen, schließlich kann man überall Markup finden (PDF), man muss nur lang genug danach suchen. Es kann nur darum gehen, endlich diese Win-Loose-Attitüde aufzugeben und schlicht zu sehen, das Web wird sich entwickeln. Es wird immer proprietäre Technologien geben und es wird immer eine Bewegung geben, die diese zu standardisieren versucht. Aber HTML – ob HTML 5 oder XHTML 2 – darauf auszurichten, dass es sonst vom Markt verdrängt wird, ist eine zu defensive Strategie: Dass HTML 5 nur den Kampf von HTML 4 weiterführen wird, suggeriert, dass der Grabenkampf in Sachen Webstandards einfach nicht zu gewinnen ist (@hixie) .

Wenn überhaupt gewinnt immer das Web, wie Googles VP of Engineering Vic Gundotra in seiner Keynote so schön hervorhebt. Man soll das Web niemals unterschätzen, deswegen muss man auf Experiment, Kombination und Fusionierung setzen, deswegen sehen wir uns HTML 5 an (@html5gallery) im ganz irdischen, praktischen Einsatz, deswegen verfolgen wir die Entwicklung von Webstandards in Frameworks wie Adobe Spry oder jQuery, deswegen müssen wir endlich damit aufhören, das eine für lebendig (HTML 5, Flash, HTML) und das andere (XHTML, HTML, Flash) für tot zu erklären. Auch ein twitter-Diskurs, eine XHTML-gegen-HTML-Debatte, hilft da nicht wirklich weiter. Alle Argumente sind längst gewälzt.

Auch in der Frage, wird HTML gewinnen, haben wir wieder beide Webstandards-Repräsentanten am Start. Die versprengte Ninja-Gruppe, die sich HTML 5 schlicht aneignet und der Praxis zuführt, und die Core-Standard-Gruppe, die darauf beharrt, einen Draft nicht mal mit der Codezange anzufassen. Einer Social-Webstandards-Bewegung ist erstere Gruppe weitaus sympathischer, schließlich geht es darum das Web zu nutzen und zwar jetzt.

Webstandards sehen heute anders aus

Sieht man sich den twitter-Stream an, sehen Webstandards heute schlicht anders aus: Nicht wir definieren, wo Webstandards zu sein haben, die ganz konkrete Anwendung und Nutzung definiert, wo wir Webstandards erwarten und auszuarbeiten haben. Ist das HTML 5, XHTML 2 oder schlicht die Sondierung unzähliger Schriftersetzungsmethoden – nennt sich das nun cufón, fontjazz, typeface.js oder jüngst @typekit (@LayersMagazine) -, bis @fontface endlich übergreifend nutzbar ist. Natürlich sollten wir als Standardisten nur @fontface verwenden, aber warum nicht auch mal experimentieren und kombinieren – etwa @fontface und cufón -, um jetzt konkrete Ergebnisse und Lösungen zu erreichen.

Hätten wir all die Jahren wirklich nur darauf Rücksicht genommen, was der Internet Explorer unterstützt, wären wir heute nicht da, wo wir sind: in einer spannenden Entwicklung. Es reicht nicht mehr, ständig auf Standards zu warten, wir müssen auch in Sachen Webstandards mit Workarounds leben lernen (@sitepointdotcom) , wenn wir nicht nur auf den Core (rock) setzen, sondern auch mal rocken wollen.