EfA-Tagung: Workshop 08 – Hübsch oder häßlich

Die EfA-Tagung “Konzepte und Zukunftsbilder für ein Barrierefreies Internet” soll ja entsprechend von den Teilnehmern mit vorbereitet werden. Daher werde ich – zwar etwas knapp – vorab hier versuchen, die Thesen der Experten abzuklopfen und – wenn nötig – Gegenthesen vorzubereiten.

Der Workshop 08 – Hübsch oder häßlich setzt sich mit dem Thema barrierefreies Webdesign auseinander. Da Anspruch und Wirklichkeit für die Experten eher auseinander zu klaffen scheinen, fürchte ich, dass der Workshop eine interessante Konfrontation werden wird. :-)

Barrierefreiheit und Reizüberflutung?

Wir leben in einer Zeit permanenter Reizüberflutung. (…) Je mehr Informationen auf uns einströmen, umso mehr suchen wir Orientierung – auch im Internet.

Quelle: Efa-Tagung Workshop 08: Hübsch oder häßlich

Leider wird bereits im zweiten Absatz des Thesenpapiers eine merkwürdige Gegenüberstellung aufgemacht: Barrierefreiheit und/oder barrierefreies Webdesign erhält eine Bollwerkfunktion gegen die schnelllebige Zeit, den Fortschritt und die Reizüberflutung. Je mehr Reizen wir ausgesetzt seien, desto mehr Orientierung sei nötig. Argumentativ wird der Bogen zur Barrierefreiheit aber auch nicht wirklich fertig gespannt, sie bleibt ein wenig in der Luft hängen.

Man könnte hier die Gleichung ziehen: Reizüberflutung == Orientierung == Barrierefreiheit. Aber ich fürchte, so war das nicht gemeint. ;) Das hat dann allenfalls Neil Postman-Niveau und schiebt Barrierefreiheit jenseits des gängigen Infotainments (Postman) aufs pädagogische Gleis.

Barrierefreiheit und gute Gestaltung: ein Widerspruch?

Gleichzeitig hält sich hartnäckig das Vorurteil, dass Barrierefreiheit und gute Gestaltung nur schwer miteinander zu vereinbaren sind. (…) wegen ihrer hohen Konformität mit Webstandards und ihrer stringenten Informationsarchitektur fördern barrierefrei gestaltete Webseiten nachhaltig die einheitliche Darstellung von Unternehmen.

Quelle: Efa-Tagung Workshop 08: Hübsch oder häßlich

Einerseits wird ein grundsätzlicher Widerspruch zwischen barrierefreien und den Ansprüchen guter Gestaltung postuliert. Andererseits wird Barrierefreiheit mit Attributen wie standardkonform, stringenter Informationsarchitektur und CI-Unterstützung wieder in Bezug zu Corporate Design gesetzt. Abgesehen davon, dass es ganz konkrete gesetzliche Vorgaben an barrierefreies Design gibt (Stichwort: BITV,BIK-Zertifizierung), hält sich die beschriebene Hartnäckigkeit wohl eher in jenen Ecken, wo die Erfahrung mit entsprechenden Projekten geringer ist. Hat man einige barrierefreie Projekte auch mit Designern realisiert, dann wird diesen schnell klar, welche Punkte kritisch sind und worauf sie verstärkt achten müssen.

Barrierefreiheit == Webstandards und Informationsarchitektur

Ja, Barrierefreiheit setzt auf Webstandards und einer stringenten und durchdachten Informationsstruktur auf. Aber das sind allgemeine Standards: Webstandards und die semantische Infrastruktur einer Webseite sind längst eigen- und selbständige Eckpfeiler aktueller Webentwicklung. Und das heißt: Eine standardkonforme und semantisch gut strukturierte Seite kann, aber muss nicht barrierefrei sein. Eine barrierefreie Seite versucht eine Optimierung auf ganz bestimmte Zielgruppen, auf eine Nutzbarkeit, die weit über die Hierarchisierung von Überschriften und einer konsistenten Informationsstruktur hinausgeht. Barrierefreiheit muss immer das gesamte Paket nutzen, das eine bedingt das andere und ist Voraussetzung für weiteres.

Es geht dabei immer um eine konkrete Anwendbarkeit, nicht um die Unterstützung eines Corporate Designs. Eine durchgängige Informationsarchitektur wie eine Hierarchie von Überschriften und eine semantische Auszeichnung der Informationen sind in barrierefreier Hinsicht konkret nutzbar etwa von Screenreadern-Benutzer, die von Überschrift zu Überschrift durch den Inhalt gehen und über eine korrekte semantische Auszeichnung diesen erst hinreichend rezipieren können.

Barrierefreiheit: der Nutzer definiert die Darstellung

Eine mit Blick auf die Zukunft des Internets besonders interessante Frage ist, (…) wenn die Internetnutzer sich mit Hilfe der neuen Techniken, die Darstellung der Inhalte selbst konfigurieren.

Quelle: Efa-Tagung Workshop 08: Hübsch oder häßlich

Warum den Blick in die Zukunft richten? Geht es nicht um barrierefreies Webdesign, das jetzt und ganz konkret von Nutzern individuell konfiguriert wird (Stichwort: benutzerdefinierte Einstellungen). Längst werden Webseiten von diesen Nutzern layouttechnisch umfunktioniert. Inhalte werden den eigenen Bedürfnissen angepasst, extrem vergrößert, linearisiert, mit anderen Kontrasten und Farbkombinationen versehen. Ich sehe ganz konkret hier die Aufgabe des barrierefreien Webdesigns, sich auf diese Anforderungen einzulassen. Auch mal zu sehen, was passiert, wenn die Bilder fehlen. Einfach auch mal alternative Designs für diese Nutzer zu erarbeiten.

Meine Gegenthesen

Barrierefreiheit und Schönheit: kein Widerspruch

Barrierefreie Websites müssten nicht so häßlich sein, wie sie es derzeit meistens sind.

Quelle: Gerrit van Aaken – Efa-Tagung Workshop 08: Hübsch oder häßlich

Barrierefreiheit setzt ja auf Webstandards auf, nutzt also die Trennung zwischen Design und Inhalt konsequent. Dadurch kann per CSS das Design vollständig manipuliert werden und damit steht einer schönen Webseite nichts mehr im Wege. :-) Probleme wie Farben und hinreichende Kontraste sind oft Problem mit dem Kunden, der eine CI-Richtlinie erfüllt sehen will. Gerade in der Kontrastfrage lassen sich durchaus Kompromisse finden, die die Schönheit der Seite nicht in Frage stellen. :-) Hier schließen sich dann auch die CI-typischen Probleme der Typographie an – auch ein heißes Thema, nicht nur im Hinblick auf die Barrierefreiheit (Stichwort: SIFR).

Barrierefreiheit und Schönheit: falsche Fragestellung

Schönheit ist relativ. Barrierefreiheit kann man nicht sehen.

Quelle: Markus Angermeier – Efa-Tagung Workshop 08: Hübsch oder häßlich

Ich behaupte, das sind typische Designerfragen. Für die Barrierefreiheit ist die Frage, ist eine barrierefreie Seite schön, nur zweitrangig. Und Schönheit ist immer relativ und einzig abhängig vom Betrachter zu sehen. ;) Aber hier kommen die Experten schon nah an den Kern der Problematik. Barrierefreiheit hat eben nichts mit Schönheit zu tun, das Layout setzt gewiss Optimierungen voraus (Farbe, Kontrast, Schrift), aber all das kann der Nutzer ohnehin für sich gänzlich ändern. Trotzdem ist es wichtig, nicht den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen und zu sagen, gut, wenn der Nutzer ohnehin alles umstellt, dann mach ich einfach ein Design, wie ich es mir denke. Es ist wichtig, dass die neuralgischen Stellen des Designs trotzdem angegangen werden.

Barrierefreiheit und Schönheit: dem Nutzer entgegen gehen

Schränkt Barrierefreiheit die Gestaltung ein?

Quelle: Efa-Tagung Workshop 08: Hübsch oder häßlich

Dem Nutzer entgegen gehen heißt im Hinblick auf die Gestaltung, die neuralgischen Stellen wie etwa Farbe, Kontraste, Schriften nachzuarbeiten. Dem Nutzer Alternativen zur Verfügung stellen. Ganz wie Jo Spelbrink anmerkt, gilt es aus den unterschiedlichen Nutzungsweisen eine Stärke zu erarbeiten. Je mehr Alternativen ich berücksichtige und kenne, desto sicherer kann ich mir sein, dass das Design auch genutzt wird. Schließlich bleibt dabei immer nur der Blick über den Tellerrand, wie sehen andere Wahrnehmungs- und Nutzerwelten wirklich aus. Nur im Erfahren, im Erfühlen, im Erhören, nicht so sehr im Wie-sieht-das-aus, gelingt das. Barrierefreiheit ist meist hin etwas sehr Konkretes, wie Barrieren im allgemeinen. :-)

3 Antworten auf „EfA-Tagung: Workshop 08 – Hübsch oder häßlich“

  1. [quote post=”208″]Leider wird bereits im zweiten Absatz des Thesenpapiers eine merkwürdige Gegenüberstellung aufgemacht: Barrierefreiheit und/oder barrierefreies Webdesign erhält eine Bollwerkfunktion gegen die schnelllebige Zeit, den Fortschritt und die Reizüberflutung.[/quote]

    Das war in der Tat nicht so gemeint. Webdesign hat keine Bollwerkfunktion, sondern kann im Informationsfluss Orientierungspunkte bieten.

    Ein zentraler Gedanke des Einleitungstextes ist es, eine Basis für die Diskussion ästhetischer Aspekte zu schaffen. Dies mit Praxisbezug. Vielleicht wird dies an zwei Beobachtungen deutlich.

    – sehr viele Webseiten von Organisationen der Behindertenhilfe und – selbsthilfe sowie von sozialen Organisationen, aber auch von staatlichen Stellen haben noch nicht einmal ein konsequentes Non-Design. Es gibt keinen plausiblen Grund, warum das so sein muss. Und “Schönheit” ist tatsächlich im Rahmen einer weiteren Definition von Barrierefreiheit von Bedeutung, denn das Design sollte/darf inklusiv sein. Eine komplett barrierefrei Seite, die Ästhetik vernachlässigt (technisch ist das ja möglich) wird bei Menschen ohne Behinderung kaum Anklang finden, oder sogar Voruteile bestätigen.

    – diese Vorurteile lauten in der Praxis von Unternehmen denn auch häufig: “Wenn wir unsere Seite barrierefrei machen, müssen wir ästhetische Abstriche machen, können unsere CI nicht einhalten, schwächen unsere Marke und beeinträchtigen damit Vermögenswerte.” So, wie viele der Seiten, die von den prominentesten Träger des Barrierefreiheitsgedankens aussehen, kann ich den Skeptikern diese Einschätzungnicht wirklich verübeln. Der Blick ins Ausland öffnet da schon eher die Augen dafür, dass es diesen Widerspruch nicht geben muss.

  2. Gut, das hört sich doch schon besser an. :-) Und ich muss gestehen, dass mir dieser starke ästhetische Bezug aus dem Papier nicht klar geworden ist. Aber der ist interessant, der läßt sich tatsächlich diskutieren.

    Ja, ich fürchte jedoch, dass das Non-Design, wie Sie es nennen, zum einen dem geschuldet ist, dass diese Organisationen nicht auf Designer zurückgegriffen haben, aus welchen Gründen auch immer. Und zum anderen dieses Non-Design einem grundlegenderem Verständnis der Nutzbarkeit von Webseiten geschuldet ist, nicht so sehr, ob die Webseite auch ästhetisch was her macht. :-)

    Aber wie man das auf etlichen Seiten mittlerweile sehen kann (Einfach für alle, BIK, Access for all), sind die schon eher ansprechend gemacht, gleichen sich an Web 2.0 Look and Feel an.

    Die Wechsel- bzw. Rückwirkung, die eher tröge institutionelle Seiten haben können – das betrifft ja nicht nur Seiten mit Barrierefreiheit als Schnittpunkt -, ist klar, besonders auf Kunden und das Tagesgeschäft. Jedoch erscheint mir diese Rückwirkung erst in zweiter Linie gegeben, vorrangig scheint da eher ein tieferliegendes Unverständnis – auch auf von der Designseite – zu herrschen, so unter dem Motto: Warum muss man sich das nur immer wieder antun – eine Seite auch unter diesem barrierefreien Aspekt zu beleuchten.

Kommentare sind geschlossen.